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Walter Kohl - "Leben oder gelebt werden" - Versöhnung eines Kanzler-Sohnes
Walter Kohls Buch "Leben oder gelebt werden" beschreibt Kindheit und Erwachsenwerden als Kanzlersohn im übermächtigen Schatten des Vaters Helmut, den Walter menschlich nicht erreichen kann und von dessen Stempel "Sohn vom Kohl" er sich mit 47 Jahren freizuschwimmen sucht.
Der Sohn des Alt-Kanzlers Helmut Kohl hat sich mit 47 Jahren durch sein Buch “Leben oder gelebt werden” eine Art Pubertät erstritten. Aber so eine Pubertät dauert unterschiedlich lange. Zentrale Worte der Autobiographie von Walter Kohl sind “Versöhnung” und “positives Annehmen”. Von Kritik, Abrechnung oder Ablehnung des Vaters sowie klarer Definition des eigenen Weges ist das Buch somit weit weg.
Walter Kohl - eigenständiger Mann oder ewiger Sohn?
Geboren 1963, wuchs Walter bei Hannelore und Helmut auf. Der überpräsente, selbst-moderierende Walter beschreibt seine rheinland-pfälzische Kindheit hinter wachsenden Mauern, dicken Auto-und Schlafzimmerscheiben sowie Eskorte-Beamten, denen man auf dem Schulweg nicht straffrei entkommen konnte, z. B. - pädagogisch wertvoll - Tage später durch Vater Helmuts “große gelbe Latschen”.
Nichts als normal sein will Walter, so wie dessen kleiner Bruder Peter, der in Ludwigshafen und Oggersheim ein ähnlich überbehütetes, aber “ausgesprochen strenges” Leben hat. Die Schuljahre von Walter zeigen sich als beschwerlich und von willkürlichen Gewaltakten gegen ihn wegen seiner Herkunft, beginnend am ersten Schultag. Die zentrale Figur ist seine Mutter, die den Haushalt kontrolliert und selbst darunter leidet, dass die Familie Projektionen der Öffentlichkeit ausgesetzt ist, die dem Vater gelten.
Darüber hinaus verläuft die Jugend der Söhne praktisch ohne Vater, wie man es bei Kindern früherer Größen wie Thomas Mann kennt. Stören, Fragen, Zeit nehmen oder Diskutieren war völlig ausgeschlossen. Walter schreibt über Vaters Prioritäten:
“Niemals hätte er - mit ganz wenigen Ausnahmen … einen Partei- oder Ämtertermin zugunsten einer familiären Verpflichtung fallen gelassen.”
Auch die Mutter war nicht zu Quantensprüngen bereit. Kohl schreibt, dass ein Systemwandel daheim undenkbar gewesen wäre, nur kleine Reförmchen waren möglich.
Während der 70er Jahre verschärfte sich die politische Großwetterlage, und Walter wird nicht nur schärfer beschützt und beim Spielen eingeschränkt, er hat zudem eines der tiefgründigsten Gespräche mit seiner Mutter überhaupt - über das Einstudieren von Codewörtern im Entführungsfall, wobei ihm später von einem Sicherheits-Chef sanft mitgeteilt wird, man würde von Staatsseite aus nur bis 5 Mio. DM über sein Leben verhandeln, denn der Staat dürfe sich nicht erpressen lassen.
So wie Walter hier ein Preisschild für sein Leben spürt, fühlt er immer wieder von der Umwelt den Stempel “Sohn vom Kohl”, von dem er sich nicht lösen kann und den offensichtlich auch keine Freunde weg-denken können. Er nennt in der Beschreibung seiner 47 Jahre keinen einzigen Freund beim Namen.
Eine in der Presse als historisch bezeichnete Buch-Szene ist die Begegnung mit Hanns Martin Schleyer im Jahre 1977 im Vor-Büro seines Vaters Helmut. Angeblich sagte ihm dort der damalige Arbeitgeberpräsident, dass Angst vor Terroristen unbegründet sei - wenige Wochen später wurde Schleyer ermordet. Zwei Fragen seien dieser “historischen” Szene anbeigestellt: Günstig, dass außer den beiden niemand da war - vielleicht klingt sie für ein Buch einfach zu gut, um wahr zu sein. Zum Zweiten: Woher wusste ein 13jähriger so klar, dass H. M. Schleyer zum “Kreis der Bedrohten” gehört? Ist es nicht eher spätere Einschätzung, die das Gedächtnis färbt?
Auch eine gewisse Naivität (trotz oder wegen Harvard-Abschluss) fehlt dem Sohn nicht, der z. B. beim Fall der Mauer einen unauffällig gekleideten DDR-Bürger sofort als Stasi-Mann identifiziert. Hier spricht Walter Kohl im Ton eines Managers (oder Kanzlers), der keinen Zweifel an seinen Aussagen zulässt. Ein “näselnder sächsischer Akzent” reicht also? Was würde seine in Leipzig aufgewachsene Mutter da sagen?
Walter gerät durch die Jahre wiederholt in Konflikte, die mit dem Bild der Menschen vom Vater zu tun haben. Schikane bishin zur Bundeswehr wird beschrieben, oft mit dem Bild des Opfers, das zirkulär und leider variantenarm sich durch 200 Seiten rollt. Viele Sätze wie “meine Meinung, meine Gefühle hätten eh niemanden interessiert” reihen sich aneinander. Walter zeigt ein Familienbild, worin seine Mutter sich gegenüber dem Vater “instinktiv in die Rolle der Schwächeren” begab und er mit dem Vater zu wenigen Gelegenheiten bei Spaziergängen “faktenorientiert”, kurz und bündig “Rapport” abgeben durfte. Das wünscht man sich als Kind!
Im letzten Drittel des Buches beschreibt Kohl ansatzweise seinen Weg weg von Selbstmordgedanken nach dem Suizid seiner Mutter. Sympathisch ist hier, dass er die Relation annimmt und begreift, dass es ihm gut geht und er keine wahren Leiden hat.
Leider kippt die Sprache der letzten 70 Seiten vom vorher biederen, humorlosen, teilweise banalen Stil hin zum predigenden Ton eines Missionars, der die Wahrheit gefunden hat. Nur kurz blendet er seinen familiären Weg mit zwei Ehen und einem Sohn ein, ansonsten verbleibt er sehr oft im Ungefähren und Abstrakten, schreckt auch nicht vor einigen Kapiteln zurück, die in Richtung plumpe Lebensratgeber mit absoluten Satzstücken wie “wir müssen” gehen, die auch solche Gemeinplätze bereithalten:
“Kinder sind gesegnet, weil sie leichter vergessen können”.
Dass dieser Satz aber auch gar nicht stimmt, hätte er spätestens am Beispiel seiner eigenen Kindheit oder seiner Mutter erkennen müssen, die ihre Misshandlungen durch russische Soldaten nicht nur nicht vergaß sondern vor allem nicht aufarbeitete.
Weder Versöhnung noch Kritik
Das Ende des Buches bietet eine Art ausgestreckte, wackelige Hand in Richtung Vater. Walter reißt das Denkmal seines Vaters, das immer noch Millionen Deutsche in ihrem Gedächtnis blank putzen, nicht ein, wie manche in der Presse schrieben. Er akzeptiert das “System Kohl”, den Vater, der ausschließlich Menschen annahm, die seinen Führungsanspruch zu 100 Prozent akzeptierten. Er nennt ihn ein “geborenes Alphatier” und vergleicht ihn mit mittelalterlichen Kaisern! Er lässt den Leser einzig teilhaben an der Szene, als er ihm in Abwesenheit Ordner u.ä. in den Flur stellt und ihm seine Mitarbeit als Assistent verweigert. Von Aussprache oder offener Kritik - kein Wort.
Auch wenn W. Kohl es vielleicht nicht wahr haben will: Einseitiges Annehmen einer Sache, “seinen Frieden machen” mit einer Situation - ist keine Versöhnung. Er nimmt passiv den Vater hin, wagt jedoch nicht einmal, Kritik anzusprechen. In diesem Zitat meint er, dass ein Sohn nicht einmal ! sagen ! könne, was er sich vom Vater wünscht:
“Durch das Schreiben begann ich, meinen langjährigen Irrtum zu akzeptieren, dass ich Ansprüche an meinen Vater hätte.”
Wenn Kohl zwar wenig über sich schreibt, so gibt dieses Buch jedoch der Öffentlichkeit eine Aufgabe mit, nämlich nachzudenken darüber, welch selbstgerechten Fürsten viele als Vorzeige-Demokraten anhimmelten.
Erst wenn viele Bürger sich kritisch diese Frage stellen, ob ein Kanzler, der keine Widerworte duldete, diskussionsunfähig war, Kritik immer abperlen ließ und den BILD-Chef sowie Medienmogul Leo Kirch 2008 als Trauzeugen wählte und die eigenen Söhne auslud - ob so jemand gut für die Demokratie unseres Landes war - Dann erst wackelt das Denkmal.
Und wenn Sohn Walter:
- seinen Weg gefunden hat
- sich mit der Vergangenheit versöhnt hat
- eigene Themen anzubieten hat
- die alten Zöpfe abschneiden will
- nicht als Sohn Kohls auftritt
Warum schreibt er dann nicht 30 Seiten über seinen kleinen Sohn, 20 Seiten über seine liebevolle Frau oder 40 Seiten über Korea, dessen Anziehungskraft er auf seiner eher selbstverliebten Homepage andeutet? Hätte er 200 Seiten über Korea, seine jetzige Familie, vielleicht sogar über seine Religiosität geschrieben, hätte jeder sagen müssen: “Es klingt vielleicht komisch, aber das Buch hat mit ihm zu tun, da geht es um Walter!”
So ein Buch schrieb er aber nicht. Und weitere Werke in Richtung Lebensratgeber kommen vielleicht noch.

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