Klassiker
Der Fänger im Roggen – Interpretation des bekannten Coming of Age Romans
Tausendfach ist der Roman "Catcher in the Rye" (Fänger im Roggen) vom amerikanischen Autor J.D. Salinger (1919-2010) im Englisch-Unterrricht Schülern vorgesetzt worden. Hier wird kurz dargestellt, worum es im Kurzroman geht und was vom Ruhm des Buches übrigblieb.
Handlung von “Der Fänger im Roggen”
Holden Caulfield ist als Hauptfigur im Klassiker-Jugendroman der 1950er und 60er Jahre ein circa 16-jähriger Junge, der uns als Ich-Erzähler in der Retrospektive Details des für ihn zurückliegenden Jahres beschreibt. Die Geschichte spielt in den 1940ern der USA.
Holden ist am Anfang der Handlung gerade als Zehntklässler von der vierten Schule (fiktives “Pencey” bei New York) geflogen, wo er also den High School Abschluss nicht schaffen wird. Die ganze Geschichte wird uns von ihm ein Jahr später aus einer Art Heilanstalt berichtet, wo er eine psychologische Rehabilitation macht.
Sein Bruder D.B. ist Schauspieler und Autor in Hollywood, seine kleine Schwester Phoebe ist 10 und lebt mit den Eltern in New York. Mit einem weiteren, gestorbenen Bruder, unterhält sich Holden in mehreren “visionären” Momenten.
Planlos, ehrgeizlos, ziellos tappt Holden auf dem Schulcampus herum. Nach einer Schlägerei mit seinem Zimmergenossen Stradlater flieht er ins Nachbarzimmer und später vom Campus. Es zieht ihn nach New York, wo er seine Eltern einerseits sehen, ihnen andererseits entgehen möchte, denn der Brief an die Eltern, denen sein Zensuren-bedingter Rauswurf mitgeteilt wird, ist auf dem Weg. Dieser Schwebezustand drückt die Stimmung des Romans wie Blei.
Die Haupthandlung umfasst ca. 3 Tage, in denen Holden in New Yorker Hotels, in Parks, Bars und Restaurants sein Geld verraucht, vertrinkt und in tiefen Gedanken hängt. Neben dem vielen Fluchen übt er sich verzweifelt als Casanova, doch es klappen keine Damen-Avancen, und ein Treffen mit einer Prostituierten führt nur zu Enttäuschungen und sogar zu Magenhieben vom Zuhälter. Selbst seine alte Freundin, die er kurz trifft, kann ihn nicht “auffangen”.
Er fühlt sich unverstanden, die Kellner, die Hotelpagen, Taxifahrer - die “Mitmenschen” an sich nehmen ihn nicht ernst. Er treibt sich mit Selbstmordgedanken herum und findet schließlich nur mit seiner Schwester Phoebe, die er heimlich nachts besucht, eine gewisse, kurze Ruhepause.
Eine Kernszene ist der Moment, als Holden einen Jungen sieht, der verträumt ein Kinderlied vom Roggen singt, und er missinterpretiert das Lied, in dem es eigentlich um Schnaps geht, und entwickelt daraus das Titel-gebende Bild für sich. Seine Wunschrolle - berufliche Ziele hat er sonst nicht - würde darin bestehen, Kinder zu schützen, die in einem Feld spielen, das an einen Abhang grenzt (vielleicht ein Hinweis auf den Tod des Bruders). Der aus Roggen gemachte Schnaps (Gin) vom schottischen Neujahrslied “Auld Lang Syne” ist hierfür der Ursprung für das Bild zum später legendären “Fänger im Roggen”.
Die Schlaf-und Ruhelosigkeit steigern sich zusehends, bis psychotische Angstzustände Holden bereits im Straßenverkehr ereilen. Er beschließt, von der Ostküste zu fliehen und nie wieder nach Hause zu kommen. Er vereinbart ein letztes Treffen mit seiner kleinen Schwester am berühmten Naturkundemuseum am Central Park, aber Phoebe erscheint mit einem Koffer und will ihn begleiten. Hieraus entwickelt sich die Schluss-Szene, in der Phoebe im platschenden Regen Karussell fahren geht und Holden ihr - nervlich sowie körperlich am Ende - zuschaut und vermutlich mit dem Versprechen, nicht zu gehen, sich später den Eltern “stellt”, die ihn anscheinend dann in die Nervenanstalt einweisen. Soviel zumindest lässt das offene Ende vermuten.
Interpretation
Viele für den amerikanischen Autor selbstverständliche Dinge werden dem deutschen Leser von “Der Fänger im Roggen” nicht klar, vor allem nicht, wenn sie mit dem typisch amerikanischen High School, College und Campus-System zu tun haben. Erst im Hinblick auf dieses System wird klar, dass Salinger einen Nestbeschmutzer einer elitären Klasse schuf, der durch schmutzige Sprache und destruktive Bilder einer ganzen Generation von Pädagogen einen Stachel ins Fleisch zu stechen versuchte.
Knapp 60 Jahre nach Erscheinen des Romans sind zwei Kernpunkte festzustellen. Zum Einen ist für einen Erwachsenen heute die Lage des Jungen klarer, vor allem nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die Kenntnisse über psychologische und therapeutische Aspekte stark anwuchs. Holden hat eine posttraumatische Belastungsstörung (er spricht sogar von seinen grauen Haaren) und braucht ernsthaft Hilfe. Der Tod des Bruders und vielleicht noch andere Traumata wurden nicht verarbeitet.
Zum Zweiten aber ist es fraglich, ob weder die Schüler damals noch die Schüler heute das erkennen können. Ganz sicher gehen viele der Merkmale und psychischen Hinweise, sowie die damals eindeutige und kontroverse Religionskritik an den meisten Kindern vorbei. Sie erkennen in Holden jemanden, der um sich selbst kreisend stockenden Gedanken nachgeht, alle Erwachsenen zum Teufel wünscht und viel flucht.
Außerdem ist die Gossen-Sprache, die heute schon eher einem 12 als einem 16-jährigen zuzuordnen ist, nicht geeignet, heute noch jemanden hinter dem Ofen vor zu locken und schon gar nicht, Schüler besser zu erreichen. Damals war es mit seinen dutzenden “goddamns” und “fucks” ein schockierendes Werk und natürlich in den USA eines der meist-zensierten Bücher. Heute ist es für Schüler vielleicht nur langweilig, dass es eben kein “Bleistift” sondern im Buch selbstverständlich ein “verdammter Bleistift” sein muss.
Es gibt im Roman zudem einige Andeutungen von Bisexualität, wie etwa ersichtlich in der Verehrung der Schul-Jungen untereinander und dem Wunsch, einander beim Rasieren zuzusehen und die Gesellschaft zu teilen, natürlich verstärkt durch die innere Einsamkeit. Holden braucht das, was ein Kind braucht: Liebe, Aufmerksamkeit und Verständnis, er sagt selbst: “Ich brauche nur Publikum, mehr nicht“, aber eben auch deutliche Sätze wie: “Am liebsten wäre ich tot gewesen” und “Ich fühlte mich so verdammt allein“.
Die damalige Freizeitgestaltung ist ebenfalls etwas, was heutigen Kindern sicher keinen sympathieweckenden Stellvertreter-Roman an die Seite stellt, denn Holden spielt Brigde, Canasta und Dame, wobei es wirklich fraglich ist, ob heutige Schüler wissen, was das ist. Essenz dieser einzelnen Fakten ist, dass dieses Buch, welches etliche Jahre fast zwanghaft im Englisch-Unterricht seinen Platz hatte, sicher mittlerweile abgelöst sein sollte von passenderen, moderneren Werken, die Kinder besser erreichen als die teilweise gekrampfte Sprache eines Mitt-30er Autors und eines Mitt-40er Übersetzers.
“Der Fänger im Roggen” - Hintergrund und Entstehung eines Überromanes
Der berühmte Autor und spätere Nobelpreisträger Heinrich Böll bearbeitete die erste Übersetzung von “Catcher in the Rye” von J. D. Salinger und trug damit eventuell ungewollt dazu bei, dass man den Roman vielleicht ernster nahm als das Original es hergab. Zudem brachte vermutlich die “verruchte” Sprache einen gewissen “verbotene Früchte”-Kult mit sich, der heute in unserer Alltagssprache jedoch nur langweilig ist, da jedes Kind am Nachmittags-TV mehr Schimpfwörter hört, als Salinger selbst kannte.
Zum Zeitpunkt der heute verbreiteten Übersetzung - 1962 - war Böll 45 Jahre alt und versuchte sich an der kindlichen Sprache der Hauptfigur des Romanes, dem ca. 16-jährigen Holden. Schwer genug, mit 30 Jahren Distanz. Holden Caulfield wiederum wurde als Figur im Original von J. D. Salinger geschaffen, als dieser Anfang 30 war und bis dahin als Autor fast völlig unbekannt.
Coming of Age - Klärung einer Kategorie
Für die Einordnung Coming of Age, in die “Fänger im Roggen” oft gepresst wird, gibt es keinen passenden deutschen Ausdruck. Coming of Age bedeutet das Heranwachsen, meint aber bei literarischen Werken vor allem den sichtbaren Übergang zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, wobei weder beim erst 16-jährigen Holden, noch der viel zu kurzen, beschriebenen Zeitspanne und der Kürze des Romanes von tiefer, psychologischer Entwicklung gesprochen werden kann.
Jugendroman - ja
Entwicklungsroman - nein

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