Klassiker
Woyzeck Interpretation: Georg Büchner sieht in den Abgrund des Menschen
Georg Büchner, am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren und am 19. Februar 1837 in Zürich gestorben, schrieb sein Woyzeck-Fragment auf der Grundlage einer wahren Begebenheit. Den Hintergrund dazu und eine sozialkritische Interpretation lesen Sie im Folgenden.
Hintergrund von Woyzeck: Eine wahre Begebenheit
Der 41-jährige Friseur Johann Christian Woyzeck hatte am 21. Juni 1821 in Leipzig seine Geliebte, eine 46-jährige Witwe, im Eingang ihrer Wohnung erstochen. Sein Motiv war Eifersucht. In langatmigen gerichtlichen Untersuchungen sollte geklärt werden, ob er voll zurechnungsfähig war.
Die zeitaufwendigen Untersuchungen haben den Fall zum einen sehr bekannt gemacht und zum anderen seine Hinrichtung hinausgezögert. Er wurde jedoch schlussendlich am 27. August 1824 auf dem Marktplatz in Leipzig hingerichtet. Die amtsärztlichen Berichte dienten Georg Büchner als Quelle für das Sozialdrama.
Warum handelt es sich um ein Fragment?
Das liegt daran, dass Woyzeck erst 50 Jahre nach dem Tod von Georg Büchner entdeckt wurde. Die erste Aufführung fand am 8. November 1913, ein Jahrhundert nach Büchners Geburt, im Münchener Residenztheater statt.
Die Personenkonstellation bei Woyzeck
- Neben dem Protagonisten Franz Woyzeck (ein einfacher Soldat) gibt es noch Marie, Andres, Margret und Käthe.
- Die anderen Personen werden mit ihrer Standes- und Berufsbezeichnung genannt, wie beispielsweise der Hauptmann und der Arzt.
- Des Weiteren gibt es noch die soziale Einteilung, wie z.B. Großmutter, Narr.
- Der Arzt repräsentiert das Bürgertum und der Hauptmann sowie der Tambourmajor den Offiziersstand. Im Gegensatz zur klassischen Typisierung dieser Figuren werden die Charaktere Marie und Woyzeck individuell dargestellt.
- Der Protagonist arbeitet für den Hauptmann und dem Arzt ist er für Experimente dienlich. Marie wünscht sich ein besseres Leben, das ihr jedoch durch die Armut und den Status des Protagonisten verwehrt bleibt. Sein Lebensinhalt ist die Beziehung zu Marie. Sein Leben wird durch Gewalt geprägt, da er vom Tambourmajor verprügelt wird, der Arzt schädigt seine Gesundheit durch die Experimente, der Hauptmann quält ihn mit seinen Moralvorstellungen und Marie führt ihn in die Aggression.
Die Sprache
Um einen Bezug zur Realität herzustellen, zeigt Büchner die Charaktere ungeschönt, was sich auch in der Sprache widerspiegelt. Durch die unterschiedliche Schichtzugehörigkeit der Charaktere ergibt sich ein differenziertes Sprachbild. Der Protagonist, Marie und Andres sprechen Umgangssprache mit dialektalen Einflüssen (Hessisch). Der Arzt spricht medizinische Fachsprache, verliert sich jedoch auch in der vulgären Sprache.
Die inneren Monologe des Protagonisten weisen Brüche und Grammatik ferne Ausdrücke auf. Häufig zeigt sich in der Kommunikation der Figuren, dass nicht miteinander, sondern aneinander vorbei geredet wird. Die Sprache zeigt sich zum Teil auch sehr metaphorisch, wie beispielsweise im Kontext des Mordes an Marie. Neben den Dialogen gibt es im Drama Volkslieder, Bibelzitate und Märchen, die einerseits für das Gesamtwerk von Bedeutung sind oder zum anderen symbolische Vorausdeutungen machen.
Erkennungsmerkmale der Gattungsform des Stücks:
Mit diesem Werk Büchners liegt ein Fragment vor, dessen Szenenabfolge nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden kann.
- Das Werk gehört jedoch zur Gattung des Dramas der offenen Form. Folgende Merkmale weisen darauf hin:
- Es gibt ständig wechselnde Schauplätze, sowie Zeitsprünge.
- Es existiert weder eine Vorgeschichte noch eine Vorstellung der Figuren.
- Die einzelnen Szenen stehen einzeln selbstständig und können versetzt werden.
- Die Sprache des Dramas ist nicht gehoben.
- Der Aufbau, die Figuren, Sprache und Komposition stellen eine neue Wirklichkeit dar. Der Mensch unterliegt gesellschafts- und naturbedingten Kräften, was dazu führt, dass er nur noch reagiert.
Interpretation von “Woyzeck”
Das Menschenbild des Protagonisten zeichnet sich dadurch aus, dass es, bezogen auf die gesellschaftlichen Existenzbedingungen, zum einen durch Armut, niedrige soziale Stellung und fehlende Bildung gekennzeichnet ist. Der Körper beherrscht den Geist. Die Gesellschaft determiniert den Menschen, was sich im Materialismus ausdrückt.
Interpretationsvorschlag: Menschenbild Schillers dem in Woyzeck gegenüberstellen
Diesem Menschenbild kann das von Friedrich Schiller gegenübergestellt werden. Das Menschenbild Schillers stimmt größtenteils mit denen des Arztes und des Hauptmanns im Sozialdrama überein. Die gesellschaftlichen Existenzbedingungen zeichnen sich hier durch Geld und eine hohe soziale Stellung aus. Dies bedingt sich durch die moralische und ästhetische Bildung und Selbsterziehung. Die Vernunft, der Wille und das Bewusstsein stellen den Geist dar, der den Körper, also die sinnlichen Triebe und Begierden, beherrscht. Das Menschenbild nach Schiller basiert auf der Selbstbestimmung des Menschen, dem Idealismus.
Büchner kritisiert mit seinem Sozialdrama das idealistische Menschenbild sowie das ungerechtfertigte Überlegenheitsgefühl. Der Protagonist hat viele Gegenspieler:
- Der Hauptmann verspottet ihn,
- der Tambourmajor, dem er unterlegen ist, zeigt Interesse an Marie,
- der Arzt würdigt ihn herab und missbraucht ihn als Versuchskaninchen,
- Andres versteht ihn nicht und Marie, sein Lebenssinn und -inhalt, weist ihn zurück.
Der Hauptmann ist sein Vorgesetzter, von dem er materiell abhängig ist. Auch vom Arzt ist er auf materieller Ebene abhängig, da er sich durch die fragwürdigen und menschenverachtenden Experimente Geld hinzu verdient. Der Protagonist ist eifersüchtig, gedemütigt, hilflos, wehrlos, besitzt eine niedrige soziale Stellung, ist psychisch labil und physisch angegriffen. Die Situation eskaliert, als er Marie an den Tambourmajor verliert und sie ermordet.
Der Protagonist als Antiheld und die Sozialkritik in Büchners Drama
Der Protagonist ist ein Antiheld, da er der Kategorie eines Verlierertypes zugeordnet werden kann. Er hat keinen Erfolg. Er hat ein uneheliches Kind und eine untreue Geliebte. Am Ende wird er zum Mörder.
Die Sozialkritik dieses Dramas richtet sich an die Zweiteilung er Gesellschaft in Arm und Reich. Die armen Bevölkerungsschichten werden durch die reichen unterdrückt. Die Armen befinden sich in einer ausweglosen Situation in einer Gesellschaft, die durch die reichen Bevölkerungssegmente bestimmt wird.
Literatur, die teilweise in diesen Artikel mit eingeflossen ist:
Büchner, Georg (1952): Woyzeck. Leonce und Lena. Stuttgart: Reclam.
Matzkowski, Berd (1997): Wie interpretiere ich ein Drama? Grundlagen der Analyse und Interpretation. Hollfeld : Bange.


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sehr hilfreich & gut geschrieben;)
Sehr gut als Vorbereitung für die Klausur!
Ich möchte auf die ähnliche Problematik im Roman von Willem Frederik Hermans hinweisen: “Die Tränen der Akazien”, dessen Antiheld ebenfalls durch sein Nichtverstehen der Mitmenschen und der zeitbedingten Grausamkeiten der deutschen Besatzung in Holland zum Ende des zweiten Weltkrieges zum Opfer und Täter wird und wie Treibholz durch den Roman taumelt..