Klassiker
Das Höhlengleichnis: Zusammenfassung und Interpretation
Platons Höhlengleichnis findet sich in seinem philosophischen Meisterwerk Der Staat, beziehungsweise der Politeia. Als Teil einer Trilogie an Analogien wird es in der Schule und teilweise sogar an der Uni nicht selten unvollständig analysiert.
Eigentlich müsste man das Höhlengleichnis in Relation mit den anderen beiden Gleichnissen (Sonnengleichnis und Liniengleichnis) interpretieren, allerdings würde das hier den Rahmen sprengen. Es sei jedoch angeraten, dass man sich auch mit ihnen beschäftigt, da sich dadurch eine weitere Interpretations-Ebene im Ganzen öffnet, da sie im Rahmen von Platons Staatsentwurf verwendet wurden.
Die Gleichnisse werden in einem Gespräch von Platon mit Glaukon genannt, wobei das Höhlengleichnis nicht wirklich eine Geschichte, sondern vielmehr eine hypothetische Überlegung ist, die schriftlich so dargestellt ist, dass Platon Glaukon in einem Frage-und-Antwort Spiel zu seiner Schlussfolgerung führt. Zur Lese-Erleichterung habe ich die Zusammenfassung dennoch wie eine Geschichte formuliert.
Das Höhlengleichnis - Zusammenfassung
Eine Gruppe von Menschen sitzt in einer Höhle und ist so gefesselt, dass sie nur an die Wand sehen können. Dort sehen sie flackernde Schatten und erkennen nur diese als ihre Wirklichkeit an. Nun wird einer von ihnen befreit und dazu gezwungen nicht nur in das Feuer als Lichtquelle zu sehen, sondern auch die wirklichen Dinge - denen die Schatten angehören - anzusehen. Dabei verspürt er jedoch Schmerzen. Da seine Augen nicht an das Licht gewöhnt sind, kann er nur verschwommene Umrisse sehen und kann sie erst nicht als wahr akzeptieren. Weiter wird er gezwungen, aus der Höhle hinaus zu treten und in das Sonnenlicht zu sehen. Erst unter Schmerzen, dann langsam akzeptierend, erkennt dieser Mensch, dass die Schatten nur Abbilder und nicht die wahren Dinge sind und will nun hinab steigen, um den anderen, die gefesselt vor der Höhlenwand sitzen, davon zu berichten, die ihn nur auslachen und als verrückt beschimpfen.
Das Höhlengleichnis - Interpretation
Platon geht in seinem Höhlengleichnis auf Erkenntnis und Bildung ein, wobei der Schritt eben nicht bei der Erkenntnis aufhört, aber dazu später.
Das Leben in der Höhle ist selbstverständlich gleich bedeutend mit einer eingeschränkten Sichtweise, die einem förmlich aufgezwungen wird, allerdings ohne, dass man sich dessen gewahr wird. Anstelle die Realität zu sehen, werden die Schatten als Realität verstanden und gar nicht erst angezweifelt. Das Loslösen des einen Individuums von diesem Platz an der Wand erfolgt weder freiwillig, noch leichtfüßig, wie es oft in der Schulphilosophie verkauft wird. Vielmehr handelt es sich um einen schmerzvollen Prozess. “Und wenn man ihn zwänge, ins Licht selbst zu blicken, dann würden seine Augen schmerzen” [Politeia, 515e]
Auch würde das Individuum sich zunächst schwer tun, die neue Wahrheit anzunehmen, zum einen, weil der Eindruck der alten Wahrheit noch zu sehr im Kopf eingebrannt ist, zum anderen, weil die Realität auf den ersten Blick verschwommen und unwahr erscheint. “Und wenn er ans Sonnenlicht käme, da könnte er wohl - die Augen voll des Glanzes - nicht ein einziges der Dinge erkennen, die man ihm nunmehr als wahr hinstellte.” [Politeia, 516a]
Damit wird die Erkenntnis, das Erlernen neuer Wahrheiten als schmerzlicher Prozess beschrieben, den wohl auch jeder so nachvollziehen kann, denn in den meisten Fällen sträubt man sich, seine gewohnten Meinungen für Neue aufzugeben, ja, so ein Wechsel kann auch emotional schwierig sein, so dass man oftmals uneinsichtig und starrköpfig reagiert (in der kognitiven Psychologie findet sich das in einer Liebe zur Gewohnheit wieder).
Erst nach und nach erkennt das Individuum aus der Hölle die Welt um sich herum, die Augen müssen sich erst an die neuen Eindrücke und das Licht (das hier als Wahrheit interpretiert werden kann) gewöhnen, bevor es erkennt, dass die Schatten an der Wand nicht mehr als abstrakte Abbildungen der eigentlichen Dinge sind.
Das Höhlengleichnis und die Bedeutung des Bildungsbegriffes
Doch mit dieser Erkenntnis hört das Höhlengleichnis nicht auf, auch wenn hier oftmals der Schulunterricht aufhört und selbst philosophische Überblicke ihren Schlussstrich ziehen. Höchstens die Rückkehr und das Unverständnis der Anderen wird erwähnt, derer also, die weiterhin gezwungen sind, die Schatten an der Wand zu verfolgen. Was dabei oft wegfällt ist jedoch die Tatsache, dass das Individuum stark zu kämpfen hat, vom Licht zurück ins Dunkel zu gehen, um von seinen Erlebnissen zu berichten.
“Wenn ein solcher wieder hinabstiege und sich auf seinen Sitz setzte, hätte er da nicht die Augen voll Dunkelheit, da er soeben aus der Sonne gekommen ist?” [Politeia, 516e]
Man kann den Aufstieg aus der Höhle als Erkenntnis beschreiben, doch da diese Gleichnisse im Rahmen der Politeia geschrieben wurden, ist sich diese nicht selbst genügsam, beziehungsweise sollte sie nicht sein, sondern sie verfolgt vielmehr einen weiteren Zweck. Denn Platon erläutert weiter, dass diese Erkenntnis (oder Idee, die für Platon mit der Wahrheit gleich gesetzt werden kann) für jeden zugänglich sein sollte. Und so ist es die Aufgabe eines wirklich Gebildeten, wieder zurück ins Dunkel zu kehren, um den Anderen die Köpfe zu drehen und ihnen das Licht aufzuzwingen. Bildung, so Platon, besteht darin, dass man seine Erkenntnisse auch den anderen zugänglich macht, alle Denker, die oben am Sonnenlicht bleiben und sich nicht zurück wenden, sind einseitig und würden auch den Prozess der Erkenntnis damit zum Erliegen bringen, denn wenn wir an den Anfang des Höhlengleichnisses denken, so müssen wir einen Unbekannten erkennen, der diesem Individuum den Kopf gedreht hat und es an das Licht geführt hat. Um die Bildung zu ermöglichen, braucht es also die gegenseitige Motivation, braucht es den ständigen Prozess.
Platons Gleichnis ist also zweigeteilt. Zum Einen beschreibt er den Prozess, wie eine Idee entsteht, wie die Wahrheit erkannt wird, zum Anderen beschreibt er die Notwendigkeit, diese Wahrheit für alle zugänglich zu machen (das ist übrigens auch ein sehr ähnliches Konzept, wie es von Luther zur Verbreitung des Wort Gottes angewendet wurde, wenn auch die Erkenntnis weniger schmerzlich von statten gegangen ist). Der wahre Gebildete bleibt nicht mit seiner Idee alleine, sondern verlangt danach, sie zu verbreiten, da sie ansonsten nutzlos ist.
Bildung Heute?
Auf diesem Konzept basieren übrigens auch viele Bildungsbegriffe, weshalb die Akademiker an der Uni auch angehalten sind, zu dozieren, weil nur die Interaktion und der Austausch zur wirklichen Bildung verhelfen (es mag jedoch sein, dass diese Idee immer mal wieder verloren geht, wer die teilweise lustlosen Seminare und Vorlesungen mancher Koriphäen erlebt hat, wird das wohl schon beobachtet haben).

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Verständliche Zusammenfassung, die mir sehr weitergeholfen hat.
Vielen Dank!
Worin besteht das stärkere Sein der Dinge die der losgebundene Höhlenmensch sieht ?
@Lisa, Ich bin mir grad nicht ganz sicher, ist ja schon eine Weile her, dass ich den Artikel geschrieben habe, aber ein stärkeres Sein haben die Dinge nicht, die der losgebundene Höhlenmensch sieht, vielmehr sieht er dieselben Dinge klarer, bzw. aus einer anderen Perspektive. Aber seine Sicht auf die Dinge hat keine Auswirkung auf ihr Sein, zumindest nicht im Höhlengleichnis.