germanblogs » writers blog » Anleitung zum Essay schreiben: Theorie und Praxis zum sofortigen [...]

writers blog » Schreiben lernen

Schreiben lernen

Anleitung zum Essay schreiben: Theorie und Praxis zum sofortigen Einstieg

27. September 2010 | Von D. Schwarz

Sie sollen einen Essay schreiben und wissen nicht wie? Lesen Sie hier praktische und leicht umsetzbare Tipps, die jede Schreibhemmung auflösen und Sie mit Leichtigkeit zur Leichtigkeit führt.

Tastatur, Martin Kingsley©Flickr

Essay schreiben: der Anfang

Bevor es um die praktischen und handwerklichen Hilfestellungen zum Essay schreiben geht: Was ist ein Essay überhaupt? Auch für diejenigen, die ihre Definitionen bereits im Kopf haben, könnte folgende Erklärung noch frische Eindrücke und Erkenntnisse liefern.

Was ist ein Essay?

Ein Essay ( lat. exagium, „Probe“, „Versuch“) ist eine Form des Philosophierens über eine bestimmte gesellschaftliche, wissenschaftliche oder kulturelle These. Dem Essayisten ist es gestattet, nicht nach streng wissenschaftlicher Systematik vorzugehen. Erlaubt ist, was dem Kopf zur These einfällt. Heraus kommen freie Assoziationen, lockere und auch oft amüsante Theorien und experimentelles Gedankengut. Ein Essay ist, wenn man so will, eine ästhetische und gedanklich leichte Plauderei.

Es gibt kaum Vorschriften für die Verfasser dieser Textform, außer in der Methodik. Wichtig ist, wie bei allen Aufsätzen, die Entwicklung des eigenen Gedankens und die eigene Handschrift. Ein Essay ist auch eine journalistische Darstellungsform, für die gern der Begriff “Kolumne”, “Aufsatz”, “Glosse” oder “Leitartikel” verwendet wird.

Welche Formen gibt es?

Man unterscheidet lediglich zwei Arten von Essays: Den klar argumentierenden Essay und den literarischen Essay. Zu den argumentierenden Essayisten zählen zum Beispiel Bacon, Descartes, Locke oder Leibniz. Zu den literarischen Essays gehören unter anderem de Montaigne, Pascal, Voltaire, Nietzsche oder Adorno. Dem klar argumentierenden Essay wird mittlerweile der Vorzug gegeben.

Essay schreiben: Schreibtechniken

Meine folgenden Tipps hinsichtlich Hilfestellung zu den Schreibtechniken sind sowohl theoretischer als auch praktischer Natur. Im Theorieteil gibt es empfohlene Herangehensweise zum Aufbau eines argumentierenden Essays. Sie ist keineswegs verbindlicher Natur, denn, wie schon geschrieben: es gibt keine klaren Richtlinien.

Damit Ihnen, die einen Essay schreiben wollen oder sollen, diese formelle Unverbindlichkeit Ihre Aufgabe nicht zusätzlich noch erschwert, gebe ich praktische und sofort umsetzbare Tipps. Diese erleichtern Ihnen das Projekt hoffentlich. Mit dem praktischen Teil geht es los, da er das Vorgehen greifbarer macht. Um die Argumente Ihrer These zu ordnen und dem Leser klar zu machen, führen Sie sich den Theorieteil zu Gemüte.

Essay schreiben: So wirds gemacht!

1

Wie lautet Ihre These?

Am Anfang steht Ihre These. Das kann alles Mögliche sein. Sie sind auf jeden Fall durch inneres Philosophieren zur einer gewissen Erkenntnis gelangt. Nun soll diese These auch durch schriftliches Philosophieren “dingfest” gemacht werde. Also: wie lautet Ihre These?
2

Freies Philosophieren und Schreiben

Leichter gesagt, als getan, das mit dem Leichten. Sie erinnern sich: ein Essay zeichnet sich meist durch Leichtigkeit im Stil und in der Formulierung aus und ist auch schon mal witzig. Beide Attribute bedingen sich ja irgendwie. Ist Spritzigkeit zu erreichen, wenn man sie von Anfang an durch ein Korsett aus Formalitäten einzwängt? Sicher nicht. Wie aber dann?

Schreiben Sie. Schreiben Sie meinetwegen Kladden voll. Alles, Was Ihnen schon im Kopf herumging, was Sie auch zu Ihrer These führte. Alles, was Ihnen im Kopf herumgeht, nachdem Sie zu Ihrer Auffassung gelangten. Halten Sie sich nicht mit Formen auf, nicht mit Rechtschreibung, nicht mit Schönschrift. Lesen Sie nicht zu früh Ihre Notizen: am Anfang heißt es produzieren. Hauptsache, aus Ihrem Stift fließen Ihre Gedanken. Also: Schreiben Sie!

3

Die Gedanken ordnen: Argumente extrahieren

Sie haben nun geschrieben und möglichst viel rundum Ihrer These produziert. Sobald Sie merken, dass die Sache ausgeschrieben ist und keine neuen Gedanken mehr fließen, weil Sie alle aufgeschrieben haben, machen Sie Ordnung. Sie werden am Anfang über sich schmunzeln oder denken “Da habe ich ja wie eine Fünfjährige geschrieben”. Egal. Ihre Notizen sieht ja hinterher keiner.

Verwalten Sie und ordnen Sie Ihre Notizen nun. Was sind Ihre Argumente zur Stützung der These? Unterstreichen Sie sie. Welche Gedanken sind besonders einfallsreich und griffig, welche tiefsinnig, welche schön? Extrahieren Sie sie und formulieren Sie daraus konkrete Sätze. Ihr Essay ist im werden, merken Sie? Vielleicht haben Sie mithilfe dieser Schreibtechniken den Essay ja schon beendet, vielleicht fehlt nur noch eine sinnige Einführung oder ein Epilog. Vielleicht aber auch benötigen Sie noch eine weiterführende Hilfestellung, nur zur Sicherheit. Ich gebe Ihnen im Folgenden Rosenbergs (mögliche, unverbindliche) Vorschläge.

4

Theorie: Aufbau eines Essays nach Rosenberg

Er unterscheidet drei mögliche Vorgehensweisen zum Aufbau eines argumentierenden Essays:

Die kritische Prüfung einer Ansicht

  1. Präzise, unvoreingenommene Darstellung der Ansicht, These und die sie stützenden Argumente
  2. Kritik der Ansicht

 
Der urteilende oder richtende Essay (Ziel: Entscheidung in einem philosophischen Streit)
Formulierung des Problems (günstig: Frage formulieren - zwei Antworten)

  1. Darstellung der Position A
  2. Bewertung der Position A
  3. Darstellung der Position B
  4. 5.Bewertung der Position B
  5. Entscheidung

 
Der problemlösende Essay

  1. Formulierung und Analyse des Problems
  2. Entwicklung von Kriterien für eine adäquate Lösung
  3. Entfaltung der Lösung
  4. Prüfung, inwieweit die Lösung adäquat ist.
  5. Antworten auf erwartbare Kritik

 

5

Autodidaktische Weiterbildung: Essays lesen

Sollten Sie öfter Essays schreiben wollen oder sollen: lesen Sie fremd. Was schreiben die Anderen, was schreibt Locke, was Leibniz? Gibt es Essay-Sammlungen Ihres Lieblingsautors? Oder lesen Sie Glossen und Kolumnen der guten Zeitungen. Nehmen Sie die Gedankenführung, die Argumentation und Stilistik des Verfassers auseinander. Mit Sicherheit werden Sie daraus lernen können und Ihren Schreibstil perfektionieren.
6

Noch etwas: keine Text-Schwurbeleien

Dieser wichtige Tipp stand kurz vor dem Vergessenwerden und sei hiermit gerettet: Halten Sie sich von schweren Formulierungen fern, blähen Sie Ihren Aufsatz nicht unnötig auf. Eine klare Sprache ist von zeitloser Schönheit, Ihre Leser werden Sie verstehen. Zu Ihrer Weiterbildung empfehle ich Eike von Savigny “Philosophie der normalen Sprache”.

Tipps und Hinweise

Schwierigkeitsgrad:  



 | 
 | 
 | 

Kommentar schreiben